Ein häufiger Satz im Büro ist: “Mit dem neuen Chef wird alles schlechter!” Diese Aussage ist sehr negativ und kann die Grundstimmung dämpfen. Doch die schlechte Stimmung sorgt auch für einen Verlust an Kraft. Der Vortrag “In jeder Lebensphase optimal arbeiten und leben” von Cornelia Schneider, der den Auftakt des zweiten Tages beim Hamburger Assistentinnen Kongress 2016 bildet, soll genau diesen Kraftverlust ansprechen und Hinweise geben, wie man seine Kräfte besser einteilt. Dieser erste Artikel von zwei beschäftigt sich mit der Ursache des Kraftverlustes.

Wie man Kräfte am Arbeitsplatz verliert

“Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele
die Farbe der Gedanken an.“
Marc Aurel

Kennen Sie Kollegen oder auch Vorgesetzte, die bei allem was passiert, immer das Haar in der Suppe finden? Oder gehören Sie selbst auch vielleicht zu denjenigen, die an sich beobachten können, wie sie in bestimmten Situationen oder sogar bei sich selbst tendenziell eher das Negative bzw. die Gefahr sehen als die Chancen und Möglichkeiten? Der Betriebsausflug im Mai: „Da hat es die letzten Jahre so oft geregnet.” Die Zusammenlegung zweier Teams: „Das wird ein organisatorisches Fiasko.” Die Einführung einer neuen Computersoftware: „Oh je, das dauert ewig, bis das läuft und bis ich mich da eingearbeitet habe.“ Der Verkauf der Firma an einen ausländischen Investor: „Jetzt verlieren wir sicher alle unsere Arbeitsplätze.” Kann sein, dass diese Einschätzungen alle zutreffen; kann aber auch nicht sein: Die Sonne kann im Mai scheinen, die Zusammenlegung zweier Teams kann neue Kräfte freisetzen, die Einführung einer neuen Software kann zur Arbeitserleichterung führen. Ja, auch der neue Investor kann die Arbeitsbedingungen in der Firma verbessern. Welchen Vorteil hat es also, den ungünstigsten Verlauf vorweg zu denken? Eine ressourcenorientierte Denk‐ und Sprechweise zu wählen, bedeutet selbstverständlich nicht, den Regenmantel für die Wanderung im Mai zu Hause zu lassen.

Defizitorientiertes Denken war in der Menschheitsgeschichte ein Überlebensvorteil

Dass wir alle mehr oder minder stark dazu neigen, eher das Defizit als die Ressource in einer Situation zu sehen, erklärt sich zum einen durch individuelle und soziale Lernprozesse. Es erklärt sich aber auch durch unsere Evolution. In der Frühzeit des Menschen war es von entscheidendem Vorteil, Bedrohungen und Risiken möglichst frühzeitig zu erkennen. Überlebt haben vor allem diejenigen, die besonders vorsichtig und schnell auf potenzielle Gefahren reagiert haben. Ein Geräusch im Gebüsch konnte Bedrohung durch ein Raubtier sein, die Früchte in eigenartiger Farbe konnten giftig sein, eine bestimmte Bewegung eines anderen Menschen oder auch eines Tieres konnte Angriff bedeuten, und ein unbekannter Geruch konnte darauf hinweisen, dass man das Wasser besser nicht trinken sollte. Selbst ein eigenartig gebogener Ast am Wegrand konnte beim flüchtigen Hinsehen als Schlange interpretiert werden. Das schnelle Davonlaufen oder auch das Draufhauen erwies sich als klarer Überlebensvorteil, auch wenn es manchmal eben nur ein Ast war. Aus evolutionärer Sicht war es auf jeden Fall klüger, einen Ast mit einer Schlange, als eine Schlange mit einem Ast zu verwechseln. Überlebt haben also diejenigen, die in vielen Situationen eher die Gefahr, das Risiko und negative Konsequenzen gesehen haben. Diejenigen, die eher gelassen und entspannt die Blumen am Wegrand betrachteten und sich insgesamt mehr auf das Positive und Angenehme konzentrierten, hatten schlechte Karten ihre Gene erfolgreich weiterzugeben; denn sie starben in der Regel früh. Wir alle dürften überwiegend die Nachkommen derer sein, die sich bei der Betrachtung ihres Alltags mehr auf die Gefahren und ungünstigen Einflüsse, also auf die Defizite konzentrierten. Diese Defizitorientierung ist genetisch wohl in uns allen noch teilweise verankert.

Entwarnung in der Arbeitswelt

Wir leben allerdings in einer Umwelt, in der die Gefahren seltener und deutlich geringer sind. In relativ harmlosen Situationen reagieren unsere Gehirne mit überdimensionierten Gefahrenmeldungen. Wenn Ihr Chef beispielsweise montagsmorgens mit der Körperhaltung eines Orang Utangs und der Stimme eines gejagten Wolfs die Frühbesprechung leitet, haben Sie nicht dasselbe zu befürchten wie ihre Urahnen, die Ähnliches sahen und hörten. Sie könnten jetzt Ihr „Gefahrennetzwerk” im Kopf aktivieren: Schultern hochziehen, Stimme senken oder völlig verstummen, Kampf- oder Schutzhaltung einnehmen. Sie verhalten sich dementsprechend aggressiv oder ziehen sich völlig zurück. Sie könnten sich aber genauso gut entspannt zurücklehnen und darüber nachdenken, wie unglücklich wohl das Wochenende Ihres Chefs verlaufen sein muss, um in eine solche körperliche und seelische Verfassung zu kommen ­ Sie aktivieren Ihre Ressourcen Gelassenheit und Mitgefühl. Weder die Körperhaltung noch die Stimme Ihres Chefs werden sich durch Ihre innere Haltung verändern – zumindest nicht so schnell. Was sich aber verändert, ist Ihre Befindlichkeit. Das lässt sich sogar messen. Diverse körperliche Parameter wie beispielsweise Muskelspannung, Blutdruck und verschiedene Hormone reagieren unmittelbar darauf, je nachdem, ob Sie sich auf eine potentielle Gefahr konzentrieren (Angriff des Orang Utan) oder ob Sie innere Ressourcen wie beispielsweise die der Gelassenheit aktivieren.

Stärken stärken

Falls Sie einen Vorgesetzten haben, der immer nur dann Rückmeldung gibt, wenn ein Fehler unterlaufen ist, aber nur selten oder gar nicht, wenn etwas gut gelaufen ist, dann sollten Sie ebenfalls daran denken, dass bei Ihrem Chef eventuell die defizitorientierten Netzwerke im Kopf einfach schneller reagieren als die ressourcenorientierten. Das wird insbesondere dann der Fall sein, wenn Ihr Vorgesetzter selbst unter Druck steht. Je mehr Stress ein Mensch erlebt, desto weniger wird er einen Blick für das Positive und das Schöne haben. Aber auch Mitarbeiter investieren teilweise viel Zeit in die Diskussion zum Beispiel über das Missmanagement der neuen Unternehmensleitung im Bereich A und übersehen dabei die entscheidenden Verbesserungen im Bereich B. Das Kantinenessen am Montag war wieder eine Katastrophe, die räumliche Neugestaltung der Kantine und die Verbesserung des Gesamtangebotes wird nach kurzer Zeit der Gewöhnung nicht mehr gewürdigt. Dasselbe machen wir übrigens auch häufig in unserem Privatleben: Wir kritisieren Partner und Kinder für nicht erledigte Aufgaben und für Fehlverhalten viel mehr, als dass wir deren Stärken benennen. Oder wann haben Sie Ihrem Partner das letzte Mal gesagt, was Sie alles gut an ihm finden? Aber haben wir das nicht in der Schule so gelernt: Fehler wurden rot markiert, während es nur selten Lob für gute Leistungen gab? Können Sie sich daran erinnern, wie oft etwas Gutes grün, also positiv, hervorgehoben wurde? Was merkt sich das Gehirn am meisten? Natürlich das rot Unterstrichene, also den Fehler, das Defizit. Wie wäre es mit einer neuen Strategie in Schule, Ausbildung und Beruf, in erster Linie das Gelungene hervorzuheben und damit zu fördern, statt überwiegend die Fehler zu benennen?

Cornelia Schneider studierte Psychologie an der Universität des Saarlandes. Seit 1982 hat sie eine eigene Praxis und ist seit 1991 geschäftsführende Gesellschafterin der GGW Homburg. Sie absolvierte verschiedene Weiterbildungen zu den Schwerpunkten Therapie und Prävention von (Rücken-)schmerz, Körperausdruck, Psychosomatik, Entspannungsverfahren, Körpertherapieverfahren, Stressbewältigung, Kommunikation und Betriebliches Gesundheitsmanagement. Des Weiteren veröffentlicht sie zahlreiche Publikationen zu dem Thema und hält Vorträge.

 

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